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Anstöße für ein neues Lehrerselbstverständnis: Lehrer als Lernberater, Portfolios und der Mut, sich selber auszuprobieren

Margit Kuty, Deutschland 


Was müssen künftige Schüler wissen und können? Was müssen demzufolge künftige Lehrer wissen und können? Und wie sollen die Lehramtsstudenten dafür ausgebildet werden? Im Institut für Anglistik der Universität Greifswald erörtern die Hochschullehrer diese Fragen gemeinsam mit Vertretern von Schulen, vom Landesinstitut für Schule und Ausbildung sowie der Schulbehörde. Dabei half der Europäische Rat nach. Aus Brüssel hieß es, wenn wir eine Europäische Union haben, Schüler sich also überall in Europa bewerben können, müssen sie auch in ihren Leistungen vergleichbar sein. Damit gab der Europäische Rat einen Referenzrahmen vor, nach dem jetzt überall zunächst die Lehrpläne für die Fremdsprachen in den Schulen überarbeitet werden. Für das Land Mecklenburg-Vorpommern wirkte die Fachdidaktikerin Margit Kuty daran mit. 

Lernpässe oder Portfolios zur Vergleichbarkeit von Schülerleistungen: Was ist das Neue daran? 

Margit Kuty erklärt die Portfolios:“Hier steht drin, was hat mir beim Sprachen lernen am meisten Spaß gemacht. Das möchte ich beim Sprachen lernen besser können, häufiger tun, weniger tun, gar nicht, genauer wissen. D.h. dass ist auch ein Rücklauf für den Lehrer, ganz genau, was wünscht sich denn der individuelle Schüler von meinem Unterricht....“ 

Stolz zeigt die 38jährige Hochschullehrerin Portfolios, mit denen die Schüler der Grundschule, der Klassen 5 und 6, demnächst auch 7 bis 10 sich beim Sprachenlernen eigene Ziele setzen können, mit ihrem Sprachenpass zunächst sich selbst, dann auch ihrem Lehrer nachweisen, was sie gelernt haben. Margit Kuty: “Das sind halt die neuen Rahmenpläne, die wir erarbeitet haben, wo wir versuchen, anders an Unterricht heran zu gehen, nämlich dass man sagt, der Lehrer ist nicht mehr das non plus ultra, der vorne steht, der Wissen vermittelt und in die Kinder schüttet, sondern der Lehrer übernimmt mehr die Rolle als Lernberater, als derjenige der Schülern hilft zu lernen und das bedeutet natürlich, dass sich der Lehrer verändern muss in Zukunft, denke ich mal. Dass wir sagen, wie sehen wir eigentlich Schüler. Sehen wir Schüler als die passiven Elemente dieser Gesellschaft, in die wir nur immer Wissen und Kenntnisse hinein schütten und abfragen, oder sehen wir den Schüler als ein aktiv handelndes Wesen. Und wir befragen ihn und wir haben Vertrauen in diesen Schüler und wir arbeiten mit diesem Schüler gemeinsam und der Schüler kann mitentscheiden. In den Rahmenplänen steht drin, die Schüler sind an der Auswahl der Themen und Methoden zu beteiligen. D.h. also, der Lehrer muss zu Beginn eines Schuljahres mit den Schülern gemeinsam darüber beraten, worüber wollen wir eigentlich sprechen, wo wollen wir eigentlich hin und er sollte dann in diesem Fall Moderator sein und eben Lernberater.“ 

Portfolios verändern die Einstellung zu Schülern
 

Elemente offenen Unterrichts, Projektunterricht, Team-Teaching, Wochenplanarbeit, bei der die Schüler selbst bestimmen, was sie wann tun – solche Methoden kennt heute vermutlich jeder Lehrer, egal ob er an einer Grund, Haupt-, Real-, Gesamtschule oder an einem Gymnasium unterrichtet. Doch die Methodik ist das eine, die Haltung zum Schüler und das eigene Selbstverständnis das andere. Und so gibt es immer wieder Lehrer, die meinen sagen zu dürfen: ‚Wenn du das nicht kapierst, gehörst du nicht an diese Schule!’ - ohne über ihren Unterricht nachzudenken. So etwas erzählen Eltern-Sprecher Margit Kuty immer wieder. Als Mutter ist die 38jährige zugleich entsetzt, wenn ihr Sohn nur für Klausuren lernt und danach das meiste vergisst, weil es nichts mit ihm zu tun hat. Als Lehrkraft der künftigen Lehrer allerdings fühlt sie sich herausgefordert. 

Wie kann ich das meinen Studenten beibringen? Selbstreflexion als Vorbereitung auf ein anderes Bild vom Schüler


„Die waren vorher im Grundkurs und da sitzen die noch alle in den Bänken und sagen oh Gott und jetzt. Und dann versuche ich immer zu sagen, irgendwann müssen sie hier nach vorn kommen. Ich versuche auch meine Seminare so zu strukturieren, dass einerseits dieses Faktenwissen, das Fachdidaktische, die Grundlagen da sind. Aber auf der anderen Seite, wir hier auch wir bisschen Trockentraining machen. Wer übernimmt jetzt welche Thematik? Und du bist jetzt für diese Thematik fachdidaktische verantwortlich. Welche Möglichkeiten der Präsentation vor der Gruppe gibt es? Welche Kriterien der Bewertung wollen wir dafür aufstellen? Das habe ich gerade durch. Wir haben ja Beginn des Semesters, habe mit ihnen die Kriterien durchgesprochen, was ist eigentlich wichtig, wenn man sich vorne präsentiert und wir werten es dann auch aus. Also das ist so eine Chance, sich schon hier auszuprobieren und auch in der Gruppe schon zu gucken, wie komme ich eigentlich an.“

Entsprechend motiviert und auch mutig gehen die Studenten aus ihren Seminaren. Neben den drei üblichen Praktika sind die Dozenten aus Greifswald regelmäßig – wie zu DDR-Zeiten üblich - mit kleinen Studentengruppen an den Schulen ihrer Region präsent. Für die Englischlehrer eine besondere Herausforderung. Sie unterrichten ihr anderes Fach in der Fremdsprache. 

Bilingualität und der Mut, sich selber auszuprobieren
 

Margit Kuty: „Und gerade bei diesem bilingualem Projekt ist es mir auch wichtig zu sagen, auch da ziehe ich mich zurück. Ich versuche zu sagen, ich vertraue in dich Studentin, Studentin, probier dich einfach mal aus. Und damit habe ich ganz gute Erfahrungen gemacht.“

Dieses bilinguale Projekt ist eines der Felder, auf dem die Universität Greifswald ganz nah an die Schule rückt, die Schulentwicklung durch Neues aus Lehre und Forschung bereichert wird. Margit Kuty erinnert sich an ihre Ausbildung, bei der ein Mentor meinte, ihr alles vorkauen zu müssen. Gerade deshalb lässt sie die Leine für ihre Studenten locker und ermutigt sie, ihren Stil und ihren eigenen Weg zu finden:

„Es ist teilweise illusorisch. Ich weiß das, dass Studierende hier weg gegangen sind, relativ hoch motiviert. Dann ans Gymnasium oder eine andere Schule kamen, auf diese traditionellen Formen trafen, auf die Zwänge und auf die organisatorischen Dinge, die auch an der Schule eine ganz große Rolle spielen und dann gesagt haben, oh Gott, jetzt trifft mich die harte Realität. Das sehe ich auch. Aber nichts desto trotz bleibe ich immer noch dabei, ich möchte so viel wie möglich den Studierenden mitgeben, die sollen auch Dinge ausprobieren und das erfolgt oft sehr erfolgreich.“ 

zitiert nach einer Sendung „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks:
Der Fortschritt ist eine Schnecke. Lehrer lernen lehren. 
Ein Feature von Barbara Leitner. 
Es sprach: Markus Hoffmann. 
Regie: Steffi Ruh. Produktion Deutschlandradio Berlin 2001. 
"Deutschlandradio"