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Emotionale Kompetenz und Blick auf kleine Erfolge schulen durch kollegiale Supervision (KESS)

Bernhard Sieland, Dagmar Pallinger, Rosemarie Rönnebrinck 

Bernhard Sieland„Je engagierter ein Lehrer ist, um so leichter gerät er in die Gefahr, wenn sich seine Schülerinnen und Schüler nicht kooperativ verhalten, dass es ihn stört“, meint der Lüneburger Psychologieprofessor und Psychotherapeut Bernhard Sieland. „Je engagierter der Lehrer ist, desto eher verwechselt er die Wirkung mit der Absicht. Es stört mich, ist die Wirkung. Wenn ich aber sehr verbissen an dem Ziel sitze, dann sage ich, der andere will mich stören, der will mich provozieren. Lehrerinnen und Lehrer brauchen eine Kompetenz darin, dass sie die unmittelbaren emotionalen Effekte, die Schüler bei ihnen auslösen, aus einer dritten Person noch mal reflektieren. Man kann auch den Satz sagen, Lehrerinnen und Lehrer müssen hochkompetent mit den eigenen und fremden Gefühlen umgehen. D.h. sie dürfen nicht verletzlich sein, wie ein Schüler, der einem Lehrer ein Schimpfwort hinwirft. Ganz oft ist das ja nicht so gemeint. Und es ist ein Moment der ganz hohen Schule der Pädagogenerziehung und des professionellen Umgangs mit Gefühlen, dass ich mir überlege, wo hat sich dieses Kind den Magen verdorben, so dass es jetzt in meiner Gegenwart erbricht, ohne dass es mich meint.

 

 


Wann und wie eigenes Verhalten reflektieren?

„Doch wann sollen wir unser eigenes Verhalten reflektieren, uns neue Möglichkeiten ausdenken, uns diese hohe emotionale Kompetenz aneignen“, fragt Dagmar Pallinger, Rektorin an einer Schule in Bad Gandersheim. „Wenn ich wenig Lehrerstunden zur Verfügung habe und ganz viele Schüler habe, haben wir große Klassen, wenig Spielraum und dann hängt uns allen die Zunge aus dem Hals und dann passiert einfach gar nichts mehr, weil wir nicht mehr können. Wir sind dabei unsere Unterrichtsverpflichtungen durchzuhalten, zu erfüllen, teilweise mit 2 Klassen zu arbeiten und da bleibt dann natürlich kein Raum mehr.“ Den aber brauchen Lehrer dringend! Also half die 49jährige Dagmar Pallinger, das Kess-Projekt von Professor Sieland, das Projekt zur „Kooperativen Entwicklung durch Selbststeuerung“, an einigen Schulen in Niedersachsen sehr erfolgreich zu erproben. Dazu wurden die Lehrer von z.T. sehr unkooperativen und erschöpften Kollegien zunächst nur drei Tage geschult, wie sie miteinander vernünftig reden können. Gleichzeitig lernten sie, sich selbst quasi zu supervidieren. Danach trafen sich die Kollegen allein in ihrer Freizeit, besprachen nach dem gelernten Modell ihre Probleme an der Schule und befreiten sich so aus Lustlosigkeit und Erstarrung, Wut und dem ewigen Zeitmangel. Nötig dazu war nur eine geringe Anschubfinanzierung. Der Rest geschah durch kollegiale Zusammenarbeit, einen anderen Blick, eine neue Bewertung. Etwa so: Nicht, ich habe meinen Stoff nicht geschafft. Vielmehr, ich habe wichtige soziale Probleme in der Klasse geklärt, die mich demnächst im Unterrichtsverlauf leichter vorankommen lassen. 

Lernen, das Positive in den Vordergrund zu stellen 

„Lehrer neigen dazu, nur das Negative zusehen“, weiß Rosemarie Rönnebrinck, Beratungslehrerin in Vechelde, die auch am Kess-Projekt mitarbeitete. „D.h., der Blick auf die kleinen Erfolge in den Klassen, die sind für uns selbstverständlich. Das hat so zu sein, wenn wir unsere Vorbereitungen haben und wir machen die Stunde. Dann hat das zu klappen. Wenn es mal nicht klappt, sehen wir nur, was nicht geklappt hat. Aber das trotzdem vielleicht mehr als 50 Prozent gut gelaufen sind und viele Kinder Spaß hatten, dass wird dabei übersehen, weil ich die Kinder im Blick habe, wo mir was durch die Lappen gegangen ist. Und das macht mir den Stress.“

Zwei Jahre war das Kess-Team tätig – für ein Dankeschön. Doch nun fehlt das Geld und der Wille, weitere Kollegien nur drei Tage zu schulen. Noch 1997 ließ sich das Land Niedersachen die Fortbildung eines Lehrers jährlich durchschnittlich 1 246 Mark kosten. Lächerlich, werden Personalmanager aus der Industrie sagen. Dabei war Niedersachsen mit dieser Summe Spitzereiter. Nordrhein-Westfalen waren die Kompetenzen eines im Beruf stehenden Lehrers pro Jahr gerade mal 195 Mark Wert. Doch auch in Niedersachsen sind die guten Zeiten vorbei. Kein Unterricht darf ausfallen, ist die Devise. Deswegen gibt es weniger Fortbildungsmöglichkeiten. Kurse finden nun nach sechs Stunden Unterricht oder am Wochenende statt. Gerade für die, die von Berufs wegen Meister des Lernens und des Unterrichtens sein sollen, ist das lebenslange Lernen eher eine fakultative Veranstaltung. 
Ansätze und Ideen dafür, dass Lehrer das Lehren lernen sind vorhanden. Allerdings müssen die Bildungsetats, statt daran zu streichen, aufgestockt werden – auch bei sinkenden Schülerzahlen.

Informationen zu KESS unter “KESS – Kooperative Entwicklungssteuerung durch Selbstmanagement" 

Aufsätze zum Thema unter Universität Lüneburg, Institut für Psychologie" 

zitiert nach einer Sendung „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks:
Der Fortschritt ist eine Schnecke. Lehrer lernen lehren. 
Ein Feature von Barbara Leitner. 
Es sprach: Markus Hoffmann. 
Regie: Steffi Ruh. 
Produktion Deutschlandradio Berlin 2001. 
"Deutschlandradio"