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Klassenlehrerteam und Schulstation – Ich unterrichte an einer selbstwirksamen Schule

Ulrike Haare, Deutschland 

Seit drei Jahren ist Ulrike Haare Lehrerin, arbeitet an einer Hauptschule, 29 Stunden in der Woche. Neben Biologie und Arbeitslehre, den beiden Fächern die sie studierte, unterrichtet sie Chemie. 

Praxisschock zum Berufsanfang
 

Die Lehrerin Ulrike Haare nachmittags halb drei auf dem Laufband im Fitnesstudio: “Ich habe immer wieder einen Praxisschock, wo ich merke, es geht völlig daneben. Es passt überhaupt nicht. Es liegt dann daran, dass man nicht gut vorbereitet war. Das ist die eine Seite. Oder es liegt daran: Wir haben so eine Palette von Schülern, Charakteren und Typen usw. Dann geht auch wirklich was in die Hose. Dann klappt auch die Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer nicht und da fühlt sich ganz schnell einer überfordert und macht dicht, wo man viel weiter unten hätte ansetzen müssen, obwohl er schon in der 7. Klasse ist.“ 

Ich interessiere mich für Chemie, Biologie etc, aber wie vermittle ich das den Schülern?
 

„Z.B. in Chemie. Das ist schwierig. Das Atommodell. Das sind sieben oder acht Fachbegriffe, ganz reduziert. Das ist ein kleiner wissenschaftlicher Text. Den für einen Hauptschüler zu gestalten, dass er auch Spaß daran hat, versteht und Spaß daran hat... Ich denke so in der Form daran, die reiße ich mit so was mit, die geht gerne damit um. Und ihn, da muss ich mich ganz toll anstrengen, um überhaupt ihn mitzubekommen.“ 

Wie gut es ihr tut, nach dem Unterricht zu laufen und dabei die Gedanken fließen zu lassen, fand Ulrike Haare während ihres Referendariats heraus. In dieser Zeit begann sie zu überlegen, wie sie die Schüler für ein Lernthema begeistern kann. Während der fünf Jahre ihres Studiums tauchte sie ganz in die Wissenschaft ein, beschäftigte sich intensiv mit Genetik. Damit entfernte sie sich weit von dem, was sie nun alltäglich zu bewältigen hat. Drei bis sieben Stunden Unterricht, dazu Arbeitsgemeinschaften, Klassenleiterbesprechungen, Schulkonferenzen und zwei bis drei Stunden Unterrichtsvorbereitung. Angesichts dessen schaut sie auf ihr Studium eher enttäuscht zurück:

„Wozu habe ich das Studium absolviert, auch das extrem fachwissenschaftliche Studium? Mir persönlich hat es viel gebracht. Ich war gerne in der Fachwissenschaft. Biologie, da habe ich gerne gearbeitet. Aber die Lerninhalte, die ich den Schülern vermittele, die habe ich mir dann autodidaktisch noch mal beibringen müssen, die habe ich umwandeln müssen, didaktisch aufarbeiten müssen, um sie den Schülern zu vermitteln.“

Ulrike Haare unterrichtet an einer Schule, die am Modellversuch „Selbstwirksame Schulen“ teilgenommen hat. 

Warum machte das Kollegium ihrer Schule beim Schulversuch mit?
 

Auch Lehrer dürfen sich wohlfühlen, war eine der Prämissen bei dem Modellversuch. Also schaute sich das Kollegium die Bedingungen an, unter denen es vor allem leidet. Dazu zählt, an nur einem Tag möglicherweise in sechs verschiedenen Klassen mit bis zu 200 verschiedenen Schülern konfrontiert zu werden. Das Fachlehrerprinzip ermöglichte ihnen kaum, eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen – die jedoch darauf warten und ein Recht darauf haben. Also beschlossen sie, dass jede Klasse durch mindestens zwei Klassenlehrer geführt wird und diese so viele Stunden wie möglich mit ihrer Klasse bestreiten. Alle Lehrer der Schule gehören heute so einem Klassenlehrerteam an. Für Ulrike Haare, jung im Beruf, ist das eine gute Chance mit ihren Kollegen zu lernen: 

„Jeden Donnerstag treffen wir uns in der 8., 9. Stunden zu dritt. Wir sind ja ein Klassenlehrerteam von drei Lehrern und besprechen immer, wie wir mit den einzelnen Schülern umgehen, was wir so ein Bild von dem Schüler haben und wie wir damit umgehen können, was wir für Ideen haben, damit umzugehen.“ 

Vorteile eines Klassenlehrer-Teams: Mit vier oder sechs Augen und Ohren zu sehen und zu hören hilft, den Mädchen und Jungen, so wie sie sind, gerecht zu werden. Dennoch passiert es auch an dieser Hauptschule immer wieder, dass Schüler durch ihr nervöses, aggressives oder Anerkennung suchendes Verhalten ständig stören. 

Ulrike Haare: „Z. B. unsere Schule hat ja ein tolles Angebot. Wenn man jetzt merkt, der Schüler braucht jetzt eine Hilfe, um überhaupt weiter zu kommen und er schafft es in der Gruppe nicht. Er wird laut, springt auf usw.. Da kann ich ja sagen, möchtest Du gerne in die Schulstation gehen. Da gebe ich ihm dann eine entsprechenden Aufgabe mit, vielleicht auch verkürzt, mache die und die Aufgabe. Wenn du das schaffst, dann ist es toll.“ 

So ein Verweis in die Schulstation geschieht nicht ohne Deutlichkeit und Strenge. Aber mit der Verwarnung kann Ulrike Haare den Jugendlichen auch das geben, was sie dringend brauchen – Annahme und - bei aller Grenzsetzung - auch Vertrauen und Respekt, Qualitäten, die gerade die Störenfriede in ihrem Leben oft entbehren mussten. Deshalb werden sie auch in der Schulstation nicht durch Aushilfskräfte, sondern durch Lehrer betreut. Deren Dienst ist keine Mehrarbeit. Vielmehr organisierte das Kollegium den ganzen Stundenplan um. An der Schule lernen auch geistig und körperlich behinderte Schüler sowie Schüler mit geringen Deutschkenntnissen. Aus diesem Grund ist die Schülerzahl pro Klasse geringer als allgemein üblich, stehen auch die Lehrer in vielen Stunden zu zweit vor einer Klasse. Doch für ihre oft schwierigen Schüler wünschten sich die Lehrer noch mehr Zeit. Also ist heute bei ihnen jede Schulstunden nur 40 Minuten lang. Die eingesparten fünf Minuten geben die Lehrer ihren Schülern durch einen entspannteren Schulalltag zurück: u.a. durch das Angebot von ca. 30 Arbeitsgemeinschaften oder eben durch den Dienst in der Schulstation. Vor allem dort herrscht ein bemerkenswert freundlicher, liebevoller Ton, selbst für den, der gerade als Störer aus der Klasse geschickt wurde. 

Mehr Informationen über das Modellprojekt, den Forschungshintergrund und über die daran beteiligten Schulen unter "Modellversuch Selbstwirksame Schulen". 

zitiert nach einer Sendung „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks: 
Der Fortschritt ist eine Schnecke. Lehrer lernen lehren.
Ein Feature von Barbara Leitner. 
Es sprach: Markus Hoffmann. 
Regie: Steffi Ruh. Produktion Deutschlandradio Berlin 2001. 
"Deutschlandradio"