EU

Ein Jahr im Ausland studieren? Eine Entscheidung mit Folgen

Bianca Maler, Lehramts-Studentin, Deutschland 

„Lust auf´s Ausland“ habe ich in jedem Fall gehabt, ein Informationsstand des „Akademischen Auslandsamts“ mit den verschiedenen Austauschprogrammen gab den Ausschlag. Für mich kam sowieso nur England in Frage. Schließlich könnte ich dort meine englischen Sprachkenntnisse und somit möglicher Weise mein Examen verbessern. Zudem könnte ich später einen authentischen Unterricht leisten. Ich wagte und bestand den erforderlichen Toffel-Test und entschied mich, eine Bewerbung einzureichen, was ja noch lang nicht heißt, dass ich auserwählt würde. Die Absprache mit meinen Eltern verwandelte sich in die Aussage: „Ich habe mich fürs Ausland beworben!“ Nachdem ich nun die erste Hürde genommen hatte, packte mich die Abenteuerlust. Etwa drei Monate später lud mich die Leiterin des ITE-Programm (International Teachers Education) zu einem Vorstellungsgespräch bzw. Interview ein. Es wurde ernst. Aus der anfänglichen Abenteuerlust entwickelten sich plötzlich Fragen und Ängste. „Was, wenn ich tatsächlich gehen darf?“ 

Ängste und Zweifel: ein Jahr ohne Familie, Freund und Freundschaften?
 

Ohne Frage stand die finanzielle Situation für meine Eltern im Vordergrund, danach der Nutzen für mein Studium sowie die Frage nach dem „Danach“. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade im vierten Semester und hatte laut Studienordnung „nur“ noch drei Semester vor mir. Ein Auslandsjahr einzuschieben hieße in jedem Fall eine Verlängerung des Studiums. „Wird sich mein Freundeskreis verändern – nach dem Motto: aus den Augen aus dem Sinn? Welche Familienfeste werde ich auslassen müssen? Wen werde ich wohl nächstes Jahr auf Grund natürlicher Umstände nicht mehr wiedersehen?“ Die rundum positive Reaktion meiner Kommilitonen/innen und Freunde auf mein bevorstehendes Jahr ließen die anfänglichen Ängste diesbezüglich verfliegen. Auch mein damaliger Freund akzeptierte meine Entscheidung. Doch dann war da noch mein Großvater, der seit meiner Geburt bei uns wohnte, damals schon 80 Jahre alt war und physisch stetig abbaute. Es bricht mir noch heute das Herz, wenn ich an den Abend vor meiner Abreise zurückdenke, an dem ich mich von meinem Opa „verabschiedete“. Kein „Auf Wiedersehen“, sondern ein Abschied vom Leben. Doch heute ich bin unendlich froh, damals den Tatsachen ins Auge gesehen zu haben. 

Mein Aufenthalt im Ausland war bis jetzt eine der positivsten und entscheidenden Erfahrungen
 

Im September 1998 flog ich nach London und von dort aus ging es Richtung Canterbury. Ich habe da meine ersten WG-Erfahrungen gemacht – und die auch noch auf „international Terrain“. Zusammen mit einer Libanesin, Griechin, Schwedin und einer heute sehr guten Freundin aus meiner Uni habe ich 10 Monate gelebt, erlebt, organisiert, gefeiert, politisiert, diskutiert, Konflikte versucht zu lösen, kulturelle Hintergründe ausgetauscht. Wir haben eben alles durchlebt, was auf einen in diesem Rahmen so zukommt – vom Zusammenstellen sämtlicher Haushaltsgeräte bis hin zum Schwangerschaftsabbruch. Allerdings unter der Bedingung, in völlig unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen zu sein, was viele Situationen nicht gerade erleichterte, aber dafür – wenn oftmals auch erst im Nachhinein - interessanter erscheinen ließ. Ich habe Freundschaften geschlossen – Europa weit – darunter leben meine engsten Freunde in Schweden und den Niederlanden. Ich habe mit ihnen eine „Freundschaft“ erlebt, deren Intensität kaum auszudrücken ist und die ich in dieser Art und Weise bisher noch nicht erlebt hatte. Abgesehen von diesen „Freunden fürs Leben“ habe ich andere interessante Menschen verschiedener Nationalitäten und selbstverständlich „native speakers“ kennengelernt, deren Gespräche und Aussagen mich teilweise noch heute begleiten und meine „Lebensphilosophie“ beeinflussen. Ich habe endlich studiert! – Obwohl oder gerade weil das Studiensystem in England ein anderes ist, nämlich „verschult“ und strikt, aber auch herzlich, überschaubar und dadurch freundschaftlich und intensiv, konnte ich meine Interessensgebiete erweitern und vertiefen. Heute hilft mir diese dort kennengelernte Arbeitsweise, das „Überwinden“ der Literatur - auf Grund der sprachlichen Komponente - und die damit zusammenhängende geforderte Disziplin, mein Studium zu bewältigen. Ich habe mich selbst kennengelernt. - Dies ist wohl von allen die für mich persönlich wichtigste Erfahrung. Neben dem Studium, der sprachlich gewonnenen Kompetenz, den vielen Parties, der kennengelernten „Pub“-kultur, den aufgebauten sozialen Beziehungen, habe ich die nötige Distanz zu meinem in Deutschland gebliebenen Alltag gewonnen und damit Zeit, mir über mich und meine Zukunft klar zu werden.